Themen des Artikels
Um Themen abonnieren und Artikel speichern zu können, benötigen Sie ein Staatsanzeiger-Abonnement.Meine Account-Präferenzen
Missstände am Bundesstützpunkt Turnen in Stuttgart: SPD fordert Anhörung der Turnerinnen und Verbände

Der SPD-Abgeordnete Sascha Binder fordert eine Anhörung von Turnerinnen und Verbänden im Ausschuss für Kultus, Jugend und Sport.
dpa/Bernd Weißbrod)Stuttgart. Psychischer Druck, Demütigungen, Drohungen, Erniedrigungen und auch das Missachten von ärztlichen Anweisungen – das haben Turnerinnen aus dem Spitzensport nun öffentlich gemacht. In SWR-Leute berichtete die ehemalige Athletin Janine Berger, die die Geschehnisse am Kunst-Turn-Forum in Stuttgart im Dezember auch öffentlich gemacht hatte, über ihre Erfahrungen. Für sie ist klar: Es muss sich etwas im System ändern.
Das scheinen auch viele Abgeordnete im Landtag von Baden-Württemberg so zu sehen. Sie stellten der Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) viele kritische Fragen und forderten eine grundlegende Aufklärung der Vorfälle. SPD und FDP hatten zuvor beantragt, das Thema im Ausschuss für Kultus, Jugend und Sport öffentlich zu behandeln.
Trainer freigestellt
Was ist seit Bekanntwerden der Vorwürfe geschehen? Am 2. Januar wurden zwei beschuldigte Trainer vorläufig freigestellt. Am 29. Januar hat der Schwäbische Turnerbund (STB) – der für den Stützpunkt zuständig ist – bekannt gegeben, dass die beiden auch nicht mehr zurückkehren werden, berichtet Schopper im Ausschuss. Ende Januar wurden dann auch Vorwürfe zum Stützpunkt in Mannheim bekannt.
Der Deutsche Turnerbund hat inzwischen die Kanzlei Rettenmaier aus Frankfurt mit der Aufklärung der Vorfälle beauftragt. Diese hatte bereits die Vorfälle am Stützpunkt in Chemnitz vor vier Jahren untersucht. Doch die Kanzlei genießt nicht das Vertrauen der Athletinnen. Das machten diese in einem offenen Brief deutlich. Darin fordern sie das Kultusministerium in Baden-Württemberg sowie den Landessportverband auf, sich für eine neutrale und von den Turnverbänden unabhängige Aufklärung einzusetzen.
Ministerium hat Gelder für Stützpunkt eingefroren
Missbrauch und Gewalt habe „bei uns im Sport keinen Platz“, machte Schopper im Ausschuss deutlich. Sie betonte, dass die Landesmittel für den Stützpunkt derzeit eingefroren seien. Fördermittel des Landes werden über den Landessportverband an die einzelnen Sportorganisationen ausgezahlt. Allein der STB soll in diesem Jahr eine Gesamtförderung (nicht allein für die Turner und den Stützpunkt) von 1,6 Millionen Euro erhalten. Das geht aus der Antwort des Kultusministeriums auf einen Landtagsantrag der SPD hervor. Dabei muss sich jeder Verband, der Fördergelder erhält, verpflichten, das Recht – insbesondere bei Kindern und Jugendlichen – auf körperliche Unversehrtheit zu respektieren und auf jegliche Form von psychischer, physischer und sexualisierter Gewalt zu verzichten. Im Einzelnen wird das allerdings vom Ministerium nicht über die Verpflichtungserklärung hinaus nachgeprüft. Im Ausschuss machte Schopper deutlich, dass die Mittel für den Stützpunkt in Stuttgart nur bei einer nachgewiesenen unabhängigen Aufarbeitung weiter gezahlt würden. Auch Rückforderungen seien möglich.
Im Ausschuss blieben viele Fragen offen
„Wir haben einen klaren Erwartungshorizont, was aufgeklärt werden soll“, sagte Schopper. Wobei nicht das Kultusministerium eine Expertenkommission einsetzen werde. Dafür sei der Deutsche Sportbund zuständig. SPD-Abgeordneter Sascha Binder forderte von der Ministerin, keine Ergebnisse der Kanzlei Rettenmaier zu akzeptieren. Auch wollte er wissen, ob sie nicht allein mit dem STB, sondern auch persönlich mit den Turnerinnen gesprochen habe. Manuel Hailfinger (CDU) fragte ebenso wie Petra Häffner (Grüne) und Dennis Birnstock (FDP) nach dem Zeitrahmen für die Aufklärung.
Am Ende blieben für die Abgeordneten aller Fraktionen im Ausschuss noch viele Fragen offen. Binder beantragte deshalb auch, den Antrag seiner Fraktion „Aufarbeitung der Vorwürfe über Missbrauch und Missstände am Bundesstützpunkt des Deutschen Turner-Bunds in Stuttgart“ nicht für erledigt zu erklären, sondern vielmehr eine Anhörung mit den Turnerinnen, dem STB und dem Deutschen Turnerbund zu machen und so alle Seiten zu hören. Ein Antrag, für den Hailfinger auch für seine Partei Zustimmung signalisierte und das Interesse an der Aufklärung betonte. Über den Antrag zur Anhörung haben die Abgeordneten anschließend in nicht öffentlicher Sitzung beraten.