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Anhörung

Landessportverband setzt eigene Kommission zur Aufarbeitung ein

Der Ausschuss für Kultus, Jugend und Sport im Landtag hat sich an diesem Donnerstag mit einer öffentlichen Anhörung mit den Missbrauchsvorwürfen und Missständen am Bundesstützpunkt des Deutschen Turnerbunds in Stuttgart befasst. Nach Angaben von Sportwissenschaftlerinnen handelt es sich um ein strukturelles Problem im Turnsport und nicht allein um ein personelles Problem. 

Janine Berger ist eine der Turnerinnen, die die Vorwürfe gegen den Deutschen Turner Bund öffentlich gemacht hat. Sie sprach auch in der Anhörung im Landtagsausschuss in zu den Vorwürfen.

dpa/Eibner-Pressefoto/Eibner/Michael Memmler)

Stuttgart. Turnerinnen aller Leistungsstufen erfahren Gewalt und Einschränkungen, die kaum jemand innerhalb der Community hinterfragt, macht Natalie Barker-Ruchti deutlich. Die Ethikprofessorin, die sich an der Universität Orebro mit Sportmanagement und Sportcoaching befasst, sagt auch, dass gerade das junge Alter die Turnerinnen besonders vulnerabel mache. Sie spricht von Überwachung, Drohungen, Spott, Training trotz Schmerzen und Krankheiten, ungenügender oder verspäteter medizinischer Betreuung und eingeschränkten Bildungsmöglichkeiten. Sie spricht von einem Klima der Angst und Einschüchterung. Denn die Turnerinnen sollen möglichst früh und in jungen Jahren Medaillen und Siege bringen. „Ein Kulturwandel ist im Frauenkunstturnen überfällig“, sagt Barker-Ruchti. Notwendig sei eine unabhängige Untersuchung der bestehenden Strukturen sowie unabhängige Kontrollmaßnahmen.

Ähnlich äußert sich auch Sportsoziologin und Professorin für Sport- und Bewegungswissenschaft an der Universität Stuttgart, Carmen Borggrefe. Es handele sich nicht nur um ein personelles Problem – sagt sie mit Blick auf die Entlassung von Trainern – sondern um ein strukturelles Problem. Die Vielzahl an Fällen zeige, dass es sich um ein systemisches Problem handele. Woher das kommt? Ein Verband, der entsprechende Erfolge nicht erfüllt, muss damit rechnen, keine oder weniger Fördergelder zu erhalten. Trainer, deren Turnerinnen nicht die entsprechende Leistung erbringen, riskieren, keinen Auftrag mehr zu bekommen. Zugleich haben die Trainer eine Nominierungsmacht. Turnerinnen, die sich nicht einfügen, riskieren, bei Wettkämpfen nicht aufgestellt zu werden, nennt Borggrefe Probleme des Systems. Notwendig sei deshalb auch ein verändertes Fördersystem.

Deutscher Turnerbund hat Frankfurter Kanzlei beauftragt

Markus Frank, Präsident des Schwäbischen Turnerbund, sagte, dass sein Verband sich seiner Verantwortung stellen werde und nach Aufarbeitung der Vorwürfe den Turnerinnen auch persönlich eine Entschuldigung anbieten wolle. Zugleich betonte er, dass STB bereits vor Weihnachten mit der Entlassung von Trainern personelle Entscheidungen getroffen habe. „Wir ziehen Konsequenzen“, so Frank.

Der Deutsche Turnerbund hat inzwischen eine Frankfurter Kanzlei beauftragt, Gespräche mit den Turnerinnen zur Aufarbeitung der Vorwürfe zu führen. Diese Kanzlei war auch bereits 2021 bei Vorwürfen in Chemnitz eingesetzt worden. Allerdings haben sich betroffenen Turnerinnen bereits deutlich gemacht, zu dieser Kanzlei kein Vertrauen zu haben. Das machte die ehemalige Turnerin Janine Berger in der Anhörung deutlich. „Wir brauchen nicht noch mehr von etwas, was offensichtlich nicht funktioniert.“ Sie fürchtet eine Scheinuntersuchung. Das stritt Alfons Hölzl, Präsident des deutschen Turnerbunds, ab.

Landessportverband: „Wir wollen alle Seiten hören und betrachten“

Auch Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) hatte in den vergangenen Wochen deutlich gemacht, dass sie sich mit der geplanten Aufarbeitung des Deutschen Turnerbunds nicht zufrieden geben will. Auch von Seiten der Abgeordneten im Ausschuss gab es zahlreiche kritische Nachfragen. Jürgen Scholz vom Landessportverband Baden-Württemberg kündigte deshalb eine weitere Untersuchungskommission an. Diese ist interdisziplinär besetzt und soll eigenständig arbeiten und frei weitere Fachleute hinzuziehen können. „Damit ein Strukturwandel eingeleitet werden kann, brauchen wir Fachwissen. Wir wollen alle Seiten hören und betrachten“, so Scholz. Er verspricht, dass die Experten mit allen sprechen werden: mit Verbänden, Eltern, Sportlern. Ein erster Bericht soll Ende Juli vorliegen und an das Kultusministerium gehen. Scholz bot an, diesen auch gerne dem Ausschuss zur Verfügung zu stellen.

Ministerin Schopper machte nochmals deutlich, dass die Fördergelder des Landes für die betroffenen Trainer und Verantwortlichen, eingefroren wurden. Sie werden über den Landessportverband ausgezahlt. Bevor die nächste Tranche ausgezahlt werden kann, muss es eine Rücksprache mit dem Kultusministerium geben.

Reaktionen von Abgeordneten

Für die Fraktion der Grünen sagte Thomas Poreski: „Die Vorfälle beim Turnerbund erschüttern uns zutiefst.“Er versicherte, dass die Grünen sich für eine lückenlose Aufklärung einsetzen werden. „Die strafrechtlichen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft sind dabei ein wichtiger, aber nicht der einzige Schritt.“ Zugleich betont er, dass die Betroffenen aktiv in den Aufarbeitungsprozess einbezogen werden müssten.

Das forderte auch Dennis Birnstock von der FDP. Es sei erforderlich, die Vorfälle lückenlos aufzuklären, „damit die betroffenen Athletinnen und Athleten Gerechtigkeit erfahren“. Und er sagte weiter: „Nur eine umfassende Aufklärung und die Schaffung klarer Rahmenbedingungen werden künftig gewährleisten, dass der Schutz und das Wohl der Athletinnen und Athleten an oberster Stelle stehen. Wir müssen sicherstellen, dass sich solche Vorfälle nicht wiederholen.“

Noch einen Schritt weiter ging Sascha Binder von der SPD. Seine Fraktion hatte als erste die Anhörung im Ausschuss gefordert . Er zeigte sich entsetzt über die Aussagen des Präsidenten des Deutschen Turnerbunds, Alfons Hölzl, in der Anhörung. „Der Präsident des Deutschen Turnerbunds Alfons Hölzl will weiter mit dem Kopf durch die Wand. Die Akzeptanz der Aufklärung durch die betroffenen Turnerinnen ist ihm schlichtweg egal“, kommentiert der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion die Anhörung „Aufarbeitung der Vorwürfe über Missbrauch und Missstände am Bundesstützpunkt des Deutschen Turner-Bunds in Stuttgart“. Er forderte: „Alfons Hölzl muss seinen Hut nehmen und damit endlich den Weg für einen Neustart des Deutschen Turnens frei machen.“

Missstände am Bundesstützpunkt Turnen in Stuttgart: SPD fordert Anhörung der Turnerinnen und Verbände | Staatsanzeiger BW

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