Glosse

Klare Verhältnisse

 „Du darfst du zu mir sagen.“ Das sagte Friedrich Merz Lars Klingbeil vor wenigen Tagen in den Koalitionsverhandlungen. „Wo bleibt die gute, konservative Kinderstube?“, fragt sich Michael Schwarz daraufhin in seiner Glosse.

Thomas Strobl (links) und Winfried Kretschmann duzen sich. Dabei hatte der Ältere ursprünglich auf dem Sie bestanden.

dpa/Stefan Puchner)

Mein Metzger kann sich nicht entscheiden. Manchmal duzt er mich, dann wieder verfällt er ins förmliche Sie. Mal hat er mich lieb, dann wieder ehrt er mich und alle seine Kunden. So heißt zum Beispiel an der Tür: „Liebe Kunden, auch außerhalb unserer Öffnungszeiten hier in Schönaich könnt ihr jederzeit gerne in unserem 24/7-Shop in Weil im Schönbuch einkaufen.“ Daneben prangt ein anderes Blatt Papier, auf dem zu lesen ist: „Sehr geehrte Kunden, wir bitten um Ihr Verständnis, dass bei uns nur EC-Zahlungen möglich sind.“ In friedlicher Koexistenz mit einer Hybridvariante: „Liebe Kunden, denken Sie bitte an Ihre Parkscheibe in Ihrem Auto.“

Klarheit gibt es nur noch in der Politik. Eine gute Kinderstube besitzen allein die Schwarzen. Oder muss man sagen, besaßen? So warb Saskia Esken noch im Wahlkampf mit dem Slogan: „Für dich im Bundestag.“ Klaus Mack, ihr CDU-Konkurrent, dagegen plakatierte: „Für Sie im Bundestag.“ Doch plötzlich scheinen alte Gewissheiten wie weggeblasen. Friedrich Merz hat, wie Lars Klingbeil Caren Miosga bestätigte, seinem Vize in spe das Du angeboten. Und das nach der Nummer mit der Schuldenbremse. Ob er sich wohl an Strobl ein Vorbild nahm, der sich schon länger mit Kretschmann duzt?

Wenigstens ein Unterscheidungsmerkmal bleibt zwischen dem Schwarzen und dem Roten, wobei auch dieses an der Kanzlertauglichkeit des Kandidaten zweifeln lässt. Merz ist BVB-, Klingbeil Bayern-Fan. „Mein Verein ist auf Platz eins. Er ist auf Platz zehn. Wir haben geklärte Verhältnisse“, erläuterte der Sozi der Moderatorin, wobei er selbstverständlich beim Sie blieb.

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