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Reutlingen? Kann man nur lieben

Reutlingens OB Thomas Keck (SPD) hält den Award in der Hand. Die Stadt Reutlingen erhielt den Preis für ihre bundesweit beachtete Kampagne.
DANIELFOLTIN.COM)Stuttgart. Reutlingen kämpft oft mit Vorurteilen: Die Stadt wird in der öffentlichen Wahrnehmung häufig als unscheinbar beschrieben und steht im Schatten der benachbarten Universitätsstadt Tübingen. Genau dieses Image griff die Stadtverwaltung auf und drehte es in eine groß angelegte Marketingkampagne. Der erste Schritt: provokante Plakate mit Slogans wie „Leben, wo keiner Urlaub macht“ oder „Nichts ist so langweilig wie ein aufregender Tag in Reutlingen“, die gezielt mit negativen Klischees spielten.
Keine Selbstdemontage, sondern cleverer Plan
Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: Von Verwunderung bis Empörung war alles dabei. Doch hinter der scheinbaren Selbstdemontage steckte ein cleverer Plan. Wenige Tage später wurde die zweite Phase der Kampagne enthüllt: Die Slogans erhielten den Zusatz „Nur lieben“, und ein QR-Code führte auf die Webseite nurlieben.de . Dort erzählten Reutlinger ihre ganz persönlichen Geschichten über ihre Stadt – ein Perspektivwechsel, der die emotionale Bindung zur Stadt in den Mittelpunkt rückte.
Diese aktive Einbindung der Bevölkerung war das zentrale Element der Kampagne. Über 400 Geschichten kamen so zusammen, in denen Bürgerinnen und Bürger schilderten, warum sie ihre Stadt trotz Allem lieben. Die eingereichten Beiträge reichten von persönlichen Anekdoten über Lieblingsorte bis hin zu Erinnerungen an besondere Begegnungen. Auch beim Reutlinger Stadtfest war die Kampagne präsent: Ein eigens eingerichteter „Nur-Lieben“-Stand wurde von Besucherinnen und Besuchern regelrecht überrannt.
Das Stadtmarketing begleitete die Aktion mit einer umfangreichen Medienstrategie. Neben der Plakatkampagne und der Webseite wurde das Projekt über Social Media und Pressekonferenzen breit kommuniziert. Diese gezielte Öffentlichkeitsarbeit zahlte sich aus. Die Kampagne erreichte über 200 Millionen Medienkontakte und erzielte eine Werbewirkung im Gegenwert von 4,5 Millionen Euro – bei einem verhältnismäßig geringen Budget von 25.000 Euro.
Anerkennung auch außerhalb Reutlingens
Die Kampagne war der Höhepunkt eines mehrjährigen Markenbildungsprozesses. Bereits 2017/18 wurden die Bürger zur Wahrnehmung der Stadt befragt, die in eine strategische Neuausrichtung des Stadtmarketings mündeten. Auf dieser Grundlage entstand 2023 das Kommunikationskonzept, das schließlich 2024 in die Umsetzung ging und auch außerhalb der Stadtgrenzen Beachtung fand. Tübingens parteiloser Oberbürgermeister Boris Palmer kommentierte die Kampagne der Nachbarstadt auf seinen Social-Media-Kanälen mit den Worten: „Das nenne ich mal Marketing. Auf die Auflösung kann man gespannt sein.“ Die Strategie ging auf: Reutlingen schaffte es, das Stadtbild durch Bürgerbeteiligung positiv aufzuladen und die öffentliche Wahrnehmung nachhaltig zu verändern. (red)
Die Berichterstattung im Staatsanzeiger zu diesem Thema finden Sie hier.